Der Weg zurück ins Leben

Skispringer müssen sich im wahrsten Sinne des Wortes in die Tiefe stürzen. Dazu allein gehört schon eine Menge Mut. Einer der Erfolgreichsten dieser Zunft, hat diesen Sturz auch auf gesundheitlicher Ebene erfahren müssen und ist wieder aufgestanden. 

Foto von Sven Hannawald

Der Name Sven Hannawald ist wohl jedem auch nur halbwegs sportinteressierten Menschen ein Begriff: er ist eine deutsche Skisprung- und Sportlegende. Hannawald gewann 2002 als erster Sportler die Vierschanzentournee mit Siegen in allen vier Wettbewerben. Bei den Olympischen Winterspielen 2002 holte er mit der Mannschaft Gold. Zuvor wurde er 2000 und 2002 zweimal Skiflug-Weltmeister. Bei den Nordischen Skiweltmeisterschaften 1999 und 2001 war er mit vier Medaillen erfolgreich, darunter zweimal Gold mit dem Team. 2002 wurde Sven Hannawald als Deutschlands Sportler des Jahres geehrt, noch vor Sportikonen wie Dirk Nowitzki und Michael Schumacher. Nicht nur bezogen auf den Wintersport kann man sagen, dass Hannawald einer der bedeutendsten deutschen Sportler aller Zeiten ist. Aber er erlangte nicht nur durch seine sportlichen Erfolge Aufmerksamkeit, sondern auch durch seine Offenheit im mutigen Umgang mit seiner Burnout-Erkrankung. Seine Geschichte inspiriert und gibt vielen Menschen Mut, über ihre eigenen Herausforderungen zu sprechen. Werner Bleilevens, Head of Communications Germany, konnte mit Sven über seine Erfolge, seine Erkrankung und den Weg zurück ins Leben sprechen.

Werner: Sven, wir wollen über deinen transparenten Umgang mit deiner Burnout-Erkrankung sprechen. Natürlich können und wollen wir die sportlichen Aspekte nicht ausblenden, da sie sicherlich einen nicht unbedeutenden Auslöser der Erkrankung darstellten. Gehen wir mal zurück in deiner Karriere. Wie hat alles angefangen?

Sven: Ich hatte schon früh Talent in einigen Bereichen, allerdings was die Körperlichkeit, speziell auch Schnellkraft angeht, war ich nicht besonders gesegnet. Dementsprechend musste ich schon immer ein bisschen mehr machen als die anderen. Beispielsweise hat eine Saisonvorbereitung für mich immer viel früher gestartet. 

Werner: Und war das für dich schon damals ein offensichtliches Problem?

Sven: Nein, im Gegenteil. Ich war immer sehr ehrgeizig und wollte auch, dass es wieder losgeht. Dieses Gefühl hatte ich nach jeder Saison bzw. vor jeder Saison. Das bedeutete den inneren Schweinehund zu überwinden, aber das war okay für mich, weil der Erfolg ja die beste Bestätigung für mich war. Allerdings ist mir nach meiner Topsaison mit dem Gewinn der Vierschanzentournee aufgefallen, dass dieses „Komm, wir gehen wieder los“, immer länger ging. Dass ich es nicht eine Woche aufgeschoben habe, sondern zwei oder drei. Irgendwie war ich noch beschäftigt mit mir selbst, hatte das Gefühl keine Kraft mehr zu haben, als wäre mein inneres Feuer erloschen. Und als es dann wirklich hieß „Es geht wieder los“, habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, was eigentlich mit mir los war. Aber im Nachhinein waren das schon Dinge, die ich klar mitbekommen habe.

Werner: „Inneres Feuer erloschen“ – das ist ja fast schon die Übersetzung von Burnout. Hast du das damals nicht richtig ernst genommen, oder schon eine Vermutung über deine Erkrankung angestellt?

Sven: Naja, der Begriff „Burnout“ war bei weitem nicht so präsent wie er heute ist. Von daher habe ich eher auf andere Sachen geschaut. Die Frage, warum das jetzt so ist, hat mich schon beschäftigt. Ich habe dann aber eher ernährungstechnisch draufgeschaut, dann noch mal sportspezifisch geguckt: Was kann ich noch machen, dass ich schneller wieder ausgeglichener bin, dass ich den Körper frisch bekomme. Ich habe anhand der Tatsache, dass alles länger dauert als sonst schon die klare Verbindung hergestellt, dass alles zu viel ist.

Werner: Dennoch hast du nach deinen großen Triumphen 2002 weitergemacht – auch medial war zu dieser Zeit ja nichts normal bei dir. Aber es schien, dass dein Erfolg weitergehen sollte. Was ist dann passiert?

Sven: Nach meinem Sieg bei der Vierschanzentournee und den „goldenen“ Olympischen Spielen wollte ich Anfang März 2002 auch noch meinen Weltmeistertitel im Skifliegen verteidigen. Dies ist mir auch tatsächlich gelungen, allerdings verkanteten sich nach dem Abschwingen im Auslauf des zweiten Sprungs meine Skier, ich kippte um und verletzte mich. Es stellte sich heraus, dass mein Meniskus angerissen war. Im Nachhinein muss ich sagen, dass das meine Rettung war, zumindest für eine halbe Saison, ich musste mich drei Monate aufs Sofa legen. Das kam zu einer Zeit, wo ich eh nicht mehr die große Lust auf das Skispringen verspürte. Und als ich dann in dem Zustand war, drei Monate nichts machen zu können, war ich danach wieder top-motiviert. Und tatsächlich fühlte ich mich gut und merkte, dass ich super aufgestellt war. Ich habe dann noch sechs Weltcups gewonnen. Aber ab der Hälfte der Saison ging mein Akku komplett runter. Und das beschreibe ich heute noch so: Wenn du ein Mobiltelefon neu kaufst und der Akku aufgeladen ist, dann hält das drei Tage. Wenn dieses Telefon fünf Jahre alt ist und du es auflädst, hält es nur noch einen Tag. Und so habe ich mich auch gefühlt. Ich war quasi voll aufgeladen nach der Zwangspause, hatte eine individuelle Vorbereitung mit meinem Fitnesstrainer gemacht und stand körperlich wirklich gut da. Und es funktionierte auch alles super, aber eben nur eine halbe Saison. Danach bin ich körperlich wieder total abgefallen.

Werner: Du hast den Handyakkuvergleich gezogen. Kannst du uns noch mehr über dein Befinden zu diesem Zeitpunkt verraten?

Sven: Ich habe gar nicht mehr gewusst, wo vorne und hinten ist. Ich hatte so ein abgeschlagenes Gefühl und einfach keinen Bock mehr, gleichzeitig aber eine innere Unruhe, die ich einfach nicht unterdrücken konnte. Ich habe schon für mich realisiert, dass mein Körper nach Ruhe schreit. Es war mir alles zu viel. Ich wollte keine Leute sehen. Ich wollte ein Einzelzimmer, völlig untypisch für mich. Ich bin eigentlich lieber in der Masse. Ich muss nicht mit dem Schild nach oben gedrückt werden, dass ich jetzt hier der Mittelpunkt bin, sondern ich bewege mich gerne in der Gruppe, gerne unauffällig, aber mit meinem Schalk im Nacken – das bin ich. Und auf einmal wollte ich mein Einzelzimmer, wollte meine Ruhe und das habe ich dann auch bekommen.

Werner: Und hat dir diese „Einsamkeit“ dann gutgetan?

Sven: Schlussendlich kam ich in dem Zimmer und mit der Ruhe gar nicht klar, weil die Unruhe mich aufgewühlt hat. Weißt du, am Ende habe ich wieder meine Schuhe gebunden und bin laufen gegangen. Und das völlig über dem Limit. Das weiß ich heute, mit dem gewissen Abstand. Ich war ja nicht gesund, aber temporär habe ich das durch das Laufen übergelagert, die Unruhe war für einen Moment weg und ich habe mich gut gefühlt. Das war aber nur von kurzer Dauer. Ich habe dann schnell gemerkt, dass ich mich körperlich dadurch wieder ruiniert hatte. Also egal was ich gemacht habe, es ging nur runter für mich.

Werner: Wie ging es dann weiter?

Sven: Ich habe dann den Weg zum Mannschaftsarzt gesucht und habe ihm gesagt, dass ich total unruhig bin, mich alles irgendwie überfordert. Wir haben dann zig Untersuchungen bei allen möglichen Spezialisten gemacht. Alle Organe wurden abgeklappert, Darmspiegelung, Magenspiegelung und dann kam die Fährte mit dem Pfeifferschen Drüsenfieber. Das ging schon in die Richtung von den Symptomen her, mit der Abgeschlagenheit, Kraftlosigkeit, irgendwie auch kein Drang irgendwas zu tun, aber es hat die Unruhe gefehlt, um das zu bestätigen. Das Frustrierende ist dann, dass der Arzt dann sagt, dass ich super Werte habe – na klar als Leistungssportler. Das hat mir aber nicht geholfen, weil ich eigentlich zum Arzt gegangen bin in der Hoffnung, dass er mir irgendwas sagen, kann, irgendeine Diagnose, Hauptsache, ich habe endlich den Grund für das, was ich täglich irgendwie mit mir rumschleppe.

Werner:  Du warst ja dann offensichtlich auf der Suche nach einer Diagnose – konntest Du nicht anhand der Überlastung absehen, dass es sich um Burnout handeln könnte?

Sven: Das gab es damals nicht. Der Begriff war nicht so präsent wie heute. Es gab den Hinweis auf das Pfeiffersche Drüsenfieber aufgrund der Überlastungssyndrome, aber wie gesagt: die Unruhe passte da nicht in Krankheitsbild.

Werner: OK, Überlastung, Unruhe, keine Diagnose – und nun?

Sven: Ich habe weitergemacht mit dem Sport. Ich habe mich irgendwie an die Konkurrenz gekrallt und mich in jedes Training geschleppt. Durch die Bewegung ging es mir nach dem Training tendenziell immer besser, aber die Ursprungsituation hat mich natürlich immer wieder eingeholt und irgendwann ging gar nichts mehr. Ich habe dann die Saison sechs Wochen früher beendet, um Abstand zu bekommen. Mit meiner damaligen Freundin bin ich dann in den Urlaub geflogen. Dort kam ich mit der kompletten Situation gar nicht mehr klar. Ich bin nur apathisch aufgewacht, Schweiß gebadet, habe nur herumgeheult. Das war wirklich schlimm. Nachdem wir dann früher aus dem Urlaubzurückgeflogen sind, kam es dann zu einem Arzttermin bei einem Arzt für Psychosomatik, der mir dann innerhalb von einer halben Stunde direkt gesagt hat, „Dringendst in die Klinik! Burnout!“

Werner: Da war die Diagnose, was waren deine ersten Gedanken dazu?

Sven: Erstmal war ich erleichtert eine Diagnose zu haben. Endlich war ich nach anderthalb Jahren bei jemandem, der mir sagen konnte, was mit mir los ist. Ich war zwei Wochen später schon in der Klinik und bin da reingegangen und habe gesagt: „Jetzt höre ich mir an, was ich jahrelang falsch gemacht habe. Hör mir an, was ich tun soll, und dann gehe ich wieder Skispringen“.

Werner: Diese Geschichte war dann auch schnell in der Presse zu lesen, wolltest du das?

Sven: Ja, ich war schon immer so. Wenn ich krank war, habe ich nicht gesagt: „Mir geht’s gut, sondern habe gesagt, ich bin ein bisschen angeschlagen. So war ich schon immer, weil ich immer in den Spiegel gucken muss und da kann ich jetzt nicht irgendeinen Schauspieler sehen, sondern ich muss mich sehen. Und egal, ob das jetzt positiv ist oder auch in negativen Zeiten, wo ich mich vielleicht nicht sehen konnte, aber ich habe mich gesehen, in dem Zustand, wie ich mich gefühlt habe. Und dementsprechend war das kein Geheimnis. Mir war wichtiger, dass ich selbst persönlich auf dem Weg der Besserung bin. Ich kann das eh rechts und links ignorieren, was geschrieben und geredet wird. Dementsprechend war es mir auch egal, ob die da Draußen jetzt sagen: „Der Hannawald hat einen an der Klatsche oder ist ein Vollpsycho.“ Das war mir völlig egal.

Werner: Würdest du rückblickend auch sagen, dass dies die richtige Entscheidung war, da du sicherlich später dann darauf auch ganz offensiv angesprochen wurdest?

Sven: Ja, das war schon so ein Punkt. Ich habe mich nach dem Thema schon auch ein bisschen versteckt, weil ich nach der Klinik gemerkt habe, ich weiß, wie es eigentlich funktioniert. Ich war für mich selbst noch in der Findungsphase und es ist trotzdem noch so gewesen, dass ich noch nicht die Frage zulassen konnte, wie es mir geht. Wenn es einem nicht so gut geht, dann ist es die schlimmste Frage, die es gibt. Ich war dann bei meinen Eltern und musste lernen, wieder im alten Leben Fuß zu fassen, weil die Klinik an sich, das sage ich auch heute noch, war die neutralste Oase in meinem ganzen Leben.

Werner: Dann ging es dir besser. Zu der Zeit warst du noch im besten Skisprungalter…

Sven: In der hintersten Schublade, ganz irgendwo hinten, hatte ich natürlich noch das Comeback. Ich wollte die Schublade aber nicht zu früh aufmachen. Ich habe erst irgendwann wieder angefangen zu trainieren, das hat sich gut angefühlt. Auch mal zu springen, hat sich gut angefühlt. Jede kleine Aktion hat mich gestärkt, dass ich langsam wieder zurückkomme. Ich habe meinem Trainer immer gesagt: „Du bist ruhig. Erst wenn ich dir sage: „Ich komme zurück“, dann kannst du von mir aus draußen erzählen, was du willst. Bis dahin ist aber Ruhe. Und ich gucke für mich, wie ich vorwärtskomme.“

Werner: Letztlich kam es aber nicht zu dem Comeback – warum nicht?

Sven: Ich hatte schon wieder die Lust verspürt. Aber das Material wurde umgestellt und ich kam nicht direkt zurecht. Und da bin ich wieder in den Zustand gekommen, dass ich mich da reinfressen wollte – durchaus positiv. Ich wollte wissen, warum es nicht funktioniert, wollte besser werden, denn um Platz 20 springe ich nicht. Mit einem Motto wie „Dabeisein ist alles“ kann ich nichts anfangen. Eines Tages auf dem Weg zum Krafttraining, hatte ich auf einmal wieder die innere Unruhe gespürt. Und da musste ich einsehen, dass ich Thema Skispringen loslassen muss. Ich wusste, wenn ich durch die Tür gehe, bringe ich mich wieder in die Situation, die ich nie wieder erleben wollte. Es war natürlich bis heute der schwerste Tag in meinem Leben, aber ich weiß, es war die richtige Entscheidung.

Werner: Wie wichtig würdest du Familie generell in so einem Prozess beschreiben?

Sven: Das ist sehr wichtig gewesen, denn du brauchst Halt. Aber für die Eltern ist es die schlimmste Zeit, weil die dich natürlich extrem gut kennen. Die wissen genau, was dir guttut und was nicht. Und wenn sie dir dann dieses Gute geben wollen, kann es sein, dass es in dem Fall nicht gut ist. Dementsprechend gilt das für diesen Personenkreis, die ganz nah an dir dran sind, ob das Freund, Freundin, Eltern, keine Ahnung, was ist. Die Hauptaufgabe ist, dass sie einfach nur da sind und das ist quälend für die, weil die nicht wissen: Ist das jetzt gut, was wir machen oder nicht? Sie waren da und wenn ich etwas gebraucht habe, habe ich das kommuniziert und dann waren sie froh, dass sie das für mich machen konnten. Das Wichtigste ist, dass jemand da ist!

Werner:  Wie lange hat es gedauert, bis du wirklich wieder im Leben angekommen bist?

Sven: Es ging relativ schnell, dass ich mit dem Ablauf des Tages klarkam, ohne dass ich eine Aufgabe hatte. Ich hatte auch teils wieder stressige Momente, wo ich jetzt aber auch nicht drei Tage durchhing. Ich habe mich überwiegend mit der begleitenden Therapie noch abgesichert und habe dann gemerkt, dass ich mit mir im Reinen war und morgens auch nicht schlecht aufgewacht bin. Natürlich kamen danach auch wieder andere Tage, aber ich beschreibe das jetzt so, dass das der Wendepunkt von dem Ganzen war.

Werner:  Du führst ja kein zurückgezogenes Leben, zumindest so, wie man dich wahrnimmt. Im Winter bist Du als Experte in der ARD sehr präsent. Hast du da Bedenken oder hast du ein Frühwarnsystem, das dir anzeigt, dass du wieder in alte Muster zurückfallen könntest?

Sven: Ja, klar. Ich nehme die Stimme wahr und die schwankt natürlich. Es gibt kein Leben XY, wo du sagen kannst, da geht ein Tag wie der andere. Wie das Wetter unterschiedlich ist, ist die körperliche Verfassung unterschiedlich. Und teilweise merke ich nicht, dass ich vielleicht übertrieben habe, merke aber, dass ich am den Tag vielleicht etwas schwerer aus dem Bett komme oder dass ich während des Tages schon merke: „Oh, die Birne qualmt mir.“ Und solche Signale ignoriere ich nicht mehr, sondern ich nehme sie wahr und ernst.

Werner: Hast du abschließend eine Empfehlung für Leute, die auch so einen Druck oder eine Antriebslosigkeit oder innere Unruhe verspüren?

Sven: Wenn man merkt, dass man in einem ruhigen Raum allein nicht zurechtkommt, ist der späteste Zeitpunkt, dass man sich einen Arzt für Psychosomatik suchen sollte.
Erstgespräch, kurz Leben aufzeigen, weil man natürlich gewisse Dinge für sich selbst anders sieht als eine neutrale Person. Falls der Arzt sagen sollte, „Dringend in eine Klinik“, dann nicht diskutieren und auch nicht anfangen mit ambulanter Behandlung – das funktioniert nicht, sondern dem Rat des Arztes folgen.
Und zu guter Letzt: Tu dir was Gutes! Und das machen die Wenigsten. Für uns ist frische Luft und Bewegung das Wichtigste. 

Autor: Werner Bleilevens, Head of Communications Germany