2 Likes Digitalisierung in der klinischen Forschung: „KI nimmt uns nicht die Arbeit ab“ Über den Autor: David Appel hat einen biomedizinischen Hintergrund und beobachtet seit vielen Jahren die digitale Transformation der klinischen Forschung. Seit acht Jahren ist er bei UCB tätig und arbeitet derzeit u.a. als Business Product Owner an der Entwicklung eines neuen Clinical Trial Management Systems. Als ich vor rund 15 Jahren als Clinical Research Associate (CRA) in der klinischen Forschung begonnen habe, bestand ein großer Teil meiner Arbeit darin, Informationen zusammenzutragen. Ich besuchte Studienzentren, prüfte Dokumente, kontrollierte Daten und versuchte, mir ein möglichst vollständiges Bild von der Durchführung einer Studie vor Ort zu verschaffen.Im Laufe der Jahre haben sich meine Rollen und Verantwortlichkeiten von der lokalen zur globalen Studienkoordination weiterentwickelt. Doch damals wie heute bleibt eine zentrale Herausforderung der klinischen Forschung bestehen: die richtigen Informationen zur richtigen Zeit verfügbar zu haben. Heute stehen wir an einem Wendepunkt. Künstliche Intelligenz verändert viele Bereiche unseres Lebens und auch die klinische Forschung wird davon nicht unberührt bleiben. Dabei geht es aus meiner Sicht jedoch nicht darum, Menschen durch Technologie zu ersetzen. Vielmehr eröffnet KI in klinischen Studien die Chance, uns von zeitaufwendigen Routinen zu entlasten und unseren Fokus wieder stärker auf das Wesentliche zu richten. Datenqualität als Grundlage für erfolgreiche KI in klinischen Studien Wenn über KI gesprochen wird, entsteht oft der Eindruck, dass intelligente Systeme allein für mehr Geschwindigkeit und bessere Ergebnisse sorgen. Meine Erfahrung ist eine andere: Der eigentliche Erfolg beginnt lange bevor KI zum Einsatz kommt. Denn künstliche Intelligenz ist immer nur so gut wie die Daten, auf denen sie basiert. In vielen Organisationen sind Informationen über Jahre hinweg in unterschiedlichen Systemen, Prozessen und Abteilungen entstanden. Häufig sprechen verschiedene Teams über dieselben Sachverhalte, nutzen dafür aber unterschiedliche Strukturen und Datenmodelle. Wenn wir das Potenzial von KI wirklich nutzen wollen, müssen wir zunächst dafür sorgen, dass Daten besser miteinander verbunden, standardisiert und verständlich werden. Das klingt vielleicht weniger spektakulär als die neuesten KI-Anwendungen, ist aber die entscheidende Voraussetzung dafür, dass intelligente Systeme später sinnvolle Ergebnisse liefern können. Wie KI die Datenanalyse in der klinischen Forschung verändert Eine der spannendsten Veränderungen sehe ich darin, wie wir künftig mit Daten arbeiten werden. Heute verbringen Fachkräfte oft viel Zeit damit, Berichte zu lesen, Informationen zu recherchieren oder historische Entwicklungen nachzuvollziehen. In Zukunft werden wir Daten deutlich intuitiver nutzen können. Statt uns durch unzählige Dokumente zu arbeiten, können wir gezielte Fragen stellen und innerhalb kürzester Zeit relevante Antworten erhalten. Der Unterschied ist enorm: Wir wechseln von der Informationssuche zur Informationsnutzung. Für mich bedeutet das aber nicht, dass menschliche Expertise weniger wichtig wird. Im Gegenteil: je besser die Technologie Informationen aufbereitet, desto mehr Zeit bleibt für Interpretation, Einordnung und strategisches Denken. Die Frage verschiebt sich von „Wo finde ich die Information?“ hin zu „Was bedeuten diese Erkenntnisse und welche Konsequenzen ziehen wir daraus?“ Digitalisierung klinischer Studien stärkt die globale Zusammenarbeit Klinische Forschung ist heute ein globales Unterfangen. Teams arbeiten über Ländergrenzen hinweg zusammen, tauschen Wissen aus und treffen gemeinsam Entscheidungen. Dabei entstehen zwangsläufig Herausforderungen – unterschiedliche Zeitzonen, verschiedene Sprachen und komplexe Kommunikationswege gehören zum Alltag. Auch hier sehe ich großes Potenzial für KI. Sprachbarrieren könnten deutlich kleiner werden, Dokumentationen verständlicher und Informationen leichter zugänglich. Wenn Wissen schneller geteilt und verstanden werden kann, profitieren letztlich alle Beteiligten von einer effizienteren Zusammenarbeit. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass digitale Werkzeuge den persönlichen Austausch nicht ersetzen werden. In den vergangenen Jahren habe ich immer wieder erlebt, wie wichtig direkte Begegnungen für Motivation, Vertrauen und Teamgeist sind. Technologie kann Zusammenarbeit unterstützen, sie aber nicht vollständig ersetzen. Human in the Loop: Warum der Mensch bei KI-gestützten Entscheidungen unverzichtbar bleibt Können wir also KI künftig einfach Entscheidungen treffen lassen? Meine klare Antwort lautet: Nein. Gerade in einem hochregulierten Umfeld wie bei klinischen Studien bleibt die menschliche Verantwortung zentral. Ergebnisse müssen überprüft, bewertet und eingeordnet werden. Fachliche Entscheidungen können und dürfen nicht blind an Maschinen delegiert werden. Deshalb halte ich das Prinzip des „Human in the Loop“ für essenziell. Künstliche Intelligenz kann uns unterstützen, Vorschläge machen und Zusammenhänge erkennen. Aber am Ende braucht es Menschen, die Verantwortung übernehmen und kritisch hinterfragen, ob die Ergebnisse plausibel und belastbar sind. Das gilt umso mehr, weil KI nicht unfehlbar ist. Sie benötigt Orientierung, Feedback und Kontrolle. Das Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine bleibt also der richtige Ansatz. Wie Automatisierung Fachkräften in der klinischen Forschung mehr Zeit verschafft Vielleicht ist der größte Irrtum in der Diskussion über KI die Vorstellung, dass es vor allem um Geschwindigkeit geht. Natürlich werden Prozesse effizienter werden, doch der eigentliche Gewinn liegt aus meiner Sicht woanders. Wenn repetitive Aufgaben, Datensuche und administrative Tätigkeiten zunehmend automatisiert werden, gewinnen wir Zeit für Dinge, die keine Maschine übernehmen kann: Beziehungen aufbauen, Menschen motivieren, komplexe Probleme lösen und neue Ideen entwickeln. Genau darin sehe ich die Zukunft vieler Rollen in der klinischen Forschung, beispielsweise weniger Datensichtung und dafür mehr Kontextverständnis. Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen als Unterstützung für Expertinnen und Experten Ich bin davon überzeugt, dass die Digitalisierung klinischer Forschung erst am Anfang steht. Die spannendsten Entwicklungen werden nicht dadurch entstehen, dass Menschen durch künstliche Intelligenz ersetzt, sondern von ihr unterstützt werden. Für mich ist KI deshalb kein Selbstzweck und keine Zukunftsvision aus Science-Fiction-Filmen. Sie ist ein sehr leistungsfähiges Werkzeug, das uns helfen kann, Informationen besser zu verstehen, Prozesse intelligenter zu gestalten und unsere Energie dort einzusetzen, wo sie den größten Unterschied machen kann. Mehr zu klinischen Studien bei UCB