1 Like Medizinische Versorgung neu denken: Warum das System an seine Grenzen stößt Über die Autorin: Dr. Michaela Hohnholt arbeitet als Regional Access Manager bei UCB an der Schnittstelle von Erstattung, regionalen Versorgungsstrukturen und medizinischem Alltag. Die promovierte Neurobiochemikerin hat mehrere Jahre Erfahrung im Sales sowie im regionalen Market Access in der Pharmaindustrie und begleitet bei UCB die Market-Access-Themen mit regionalem Schwerpunkt in Ostdeutschland. Mein Ziel als Regional Access Manager bei UCB ist es, den Zugang von Patientinnen und Patienten zu innovativen Therapien im deutschen Gesundheitssystem zu verbessern. Dafür bin ich im Austausch mit Krankenkassen, Kassenärztlichen Vereinigungen, ärztlichen Netzwerken und weiteren Partnern der medizinischen Versorgung in Deutschland. Patient:innenzugang in Deutschland: Warum innovative Therapien nicht alle erreichen Grundsätzlich ist Deutschland beim formalen Zugang zu neuen Arzneimitteln gut aufgestellt: Viele innovative Therapien sind nach der Zulassung durch die EMA schnell verfügbar. Für 2022/23 lag die Zeit zwischen Zulassung und Markteintritt im Durchschnitt bei 54 Tagen (Marktzugangsmonitoring des vfA). Diese Zahl zeigt aber nur einen Teil der Wirklichkeit. Denn Verfügbarkeit auf dem Papier bedeutet noch nicht automatisch, dass eine Therapie auch bei den Patientinnen und Patienten ankommt, die sie benötigen. In der Versorgung sehen wir immer wieder, dass Menschen – je nach Indikation – jahrelang von Arzt zu Arzt gehen, bis sie eine Diagnose erhalten. Gründe dafür können lange Wartezeiten, zu wenige Fachärztinnen und Fachärzte, unspezifische Symptome, Fehldiagnosen oder seltene Erkrankungen sein. Und selbst nach der Diagnose entstehen weitere Hürden: Unsicherheit bei Verordnung und Erstattung, komplexe Prüfsystematiken und Regressängste können dazu führen, dass innovative Therapien verzögert oder im Zweifel gar nicht eingesetzt werden. Ein Regress bedeutet, dass Ärztinnen und Ärzte ein zu Lasten der Krankenkasse verordnetes Arzneimittel im Nachhinein erstatten müssen. Die Systematik dahinter ist komplex und wird weder im Studium noch in der Facharztausbildung ausreichend vermittelt. Im vollen Praxisalltag bleibt oft kaum Zeit, sich in diese Details einzuarbeiten. Das belastet die Versorgung – und macht die Niederlassung für junge Ärztinnen und Ärzte nicht attraktiver. Ärztemangel und Niederlassung: Hürden für eine bessere Versorgung im Gesundheitssystem Aus meiner Sicht liegt der größte Handlungsbedarf dort, wo Strukturen nicht mehr zu den Anforderungen einer modernen Versorgung passen. Prüfungen und Regresse in der heutigen Form sind aus meiner Perspektive überholt und sollten grundlegend neu gedacht werden. Sie binden Zeit, schaffen Unsicherheit und können dazu beitragen, dass innovative Therapien verzögert eingesetzt werden. Gleichzeitig muss die Niederlassung wieder attraktiver gemacht werden. Junge Ärztinnen und Ärzte sollten schon während der Ausbildung besser verstehen, welche Chancen eine Tätigkeit in eigener Praxis bietet – fachlich, unternehmerisch und in der Gestaltung von Versorgung. Auch die Zusammenarbeit zwischen Haus- und Fachärztinnen und -ärzten muss gestärkt werden. Dabei geht es nicht nur um Effizienzreserven im System, sondern auch um Arbeitszufriedenheit. In Gesprächen und Veranstaltungen höre ich immer wieder, wie wichtig regionale Netzwerke, Austausch auf Augenhöhe und verlässliche Kooperationen für den Praxisalltag sind. Neue oder noch zu wenig genutzte Strukturen wie beispielsweise die ambulant-spezialfachärztliche Versorgung können hier zusätzliche Möglichkeiten eröffnen, wenn sie pragmatisch weiterentwickelt und regional passend umgesetzt werden. Versorgungsstrukturen stärken: Wie Zusammenarbeit die Patientenversorgung verbessert Gute Lösungen entstehen häufig dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen und Versorgung regional gemeinsam gestalten. Ein Beispiel sind Ärztenetze, die seit vielen Jahren zeigen, dass eine bessere Koordination vor Ort funktionieren kann. Entscheidend ist, dass das Netzwerke zeigen wie gute Versorgung und Wirtschaftlichkeit zusammenpassen können. Über verschiedene Ärztenetze hinweg wird sichtbar, dass strukturierte Zusammenarbeit die Versorgung von Patientinnen und Patienten verbessern und gleichzeitig die Zufriedenheit der beteiligten Ärztinnen und Ärzte stärken kann. Auch telemedizinische Projekte können zeigen, dass die Versorgung verbessert, Wege verkürzen und mehr Zufriedenheit in den Alltag der Menschen und Ärztinnen und Ärzte bringen kann. Digitalisierung im Gesundheitssystem: Wie KI den Zugang zu Therapien verbessern kann Allerdings hängen viele Projekte an einzelnen besonders engagierten Ärztinnen und Ärzten. Sie funktionieren als Insellösungen, lassen sich aber nur mit erheblichem Aufwand in andere Regionen übertragen. Genau hier sehe ich eine große Chance für Digitalisierung und perspektivisch auch für KI, um Patientinnen und Patienten schneller in die richtige Versorgung zu bringen, Informationen besser verfügbar zu machen und Ärztinnen und Ärzte im Alltag zu entlasten. Voraussetzung ist aber, dass digitale Lösungen praxistauglich, sicher, verständlich und in die bestehenden Abläufe integrierbar sind. Wenn Digitalisierung zusätzliche Bürokratie schafft oder Verantwortung unklar wird, verfehlt sie ihr Ziel. Ich wünsche mir Strukturen, die innovativen Projekten Zeit, Raum und Ressourcen geben – und eine Haltung, die die Frage „Was braucht es, damit gute Versorgung in der Breite gelingt?“ in den Mittelpunkt stellt. Zusammenarbeit im Gesundheitssystem: Warum Krankenkassen, Ärzte und Industrie entscheidend sind Zusammenarbeit ist aus meiner Sicht der Schlüssel. Versorgung lässt sich nicht aus einer Perspektive verbessern. Ärztinnen und Ärzte, Krankenkassen, Kassenärztliche Vereinigungen, Berufsverbände, Patientinnen und Patienten sowie Unternehmen wie UCB bringen unterschiedliche Erfahrungen, Verantwortlichkeiten und Zielsysteme mit. Genau deshalb braucht es Formate, in denen diese Perspektiven zusammenkommen. Bei UCB fördern wir diesen Dialog gezielt, zum Beispiel über Gesprächsrunden zur Versorgung. Dort stellen wir Projekte vor, beleuchten Hürden aus verschiedenen Blickwinkeln und schaffen Raum für einen offenen Austausch. Solche Formate ersetzen keine Entscheidungen der Selbstverwaltung und keine politische Rahmensetzung. Aber sie können Verständnis schaffen, Vertrauen aufbauen und konkrete Anknüpfungspunkte für weitere Gespräche ermöglichen, wenn die richtigen Menschen miteinander sprechen. Strukturwandel im deutschen Gesundheitssystem: Wie Innovation in die Regelversorgung kommt Für einen echten Strukturwandel brauchen wir aus meiner Sicht drei Dinge: mehr Mut, mehr Verbindlichkeit und mehr Übersetzungsleistung zwischen den Systemen. Mut, weil wir bestehende Routinen hinterfragen müssen – etwa bei Vergütung, Patientensteuerung, Delegation und digital unterstützter Versorgung. Verbindlichkeit, weil gute Projekte nicht dauerhaft vom persönlichen Engagement einzelner Akteure abhängen dürfen. Und Übersetzungsleistung, weil Ärztinnen und Ärzte, Krankenkassen, Kassenärztliche Vereinigungen, Politik und Industrie oft unterschiedliche Sprachen sprechen, obwohl sie an ähnlichen Problemen arbeiten. Wenn wir Versorgung verbessern wollen, müssen wir schneller und effizienter vom Pilotprojekt in die Regelversorgung kommen. Dafür braucht es klare Kriterien: Welches Problem löst ein Projekt? Für welche Patientinnen und Patienten entsteht ein messbarer Nutzen? Wer übernimmt welche Verantwortung? Und wie kann die Umsetzung wirtschaftlich, rechtlich und organisatorisch gelingen? Mehr zum Medikamentenzugang