“Proaktivität ist ein entscheidender Schlüssel zum Erfolg!”

Dr. Swetlana Berger gibt Einblicke in ihren außergewöhnlichen Werdegang von der Sowjetunion bis in die pharmazeutische Forschung und zeigt, wie Mut, Beharrlichkeit und Leidenschaft Frauen ihren Platz in der Wissenschaft sichern können.

 

 

Wissenschaft lebt von Ideen, Perspektiven und Menschen, die den Mut haben, neue Wege zu gehen. Doch noch immer sind Frauen in vielen Forschungsbereichen unterrepräsentiert. 

Mit Blick auf den internationalen Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft machen wir sichtbar, warum es entscheidend ist, weibliche Stimmen in der Wissenschaft zu stärken und ihre Geschichten zu erzählen.

 

Swetlana, was ist deine Rolle bei UCB?

Als Leiterin der Bioassay-Subgruppe innerhalb der Translational Statistics bei UCB verantworte ich alle statistischen Aspekte rund um die Entwicklung, Validierung und Anwendung von Bioassays zur Generierung von Biomarker- und Immunogenizitätsdaten. Unser Team arbeitet eng mit Wissenschaftler:innen der Precision-Medicine-Abteilung zusammen. Wir planen Experimente, analysieren die erhobenen Daten mit geeigneten statistischen Methoden, interpretieren die Ergebnisse und leiten daraus fundierte Entscheidungen für die Bioassays ab.


Welchen Berufswunsch hattest du als Kind?

Ich bin in der Sowjetunion geboren und aufgewachsen. Als Kind hatte ich den Wunsch, die Welt zu erkunden, wohlwissend, dass dies damals nur wenigen möglich war. Daher wollte ich Flugbegleiterin werden, um auf diesem Wege dennoch die Welt sehen zu können.

 

Wie sah dein Weg dann wirklich aus?

Es ist nicht leicht, einen längeren Lebensweg kurz zusammenzufassen, aber ich versuche es: 1992 bin ich im Alter von 20 Jahren mit meiner Familie aus der zerfallenden Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Es dauerte einige Zeit, bis ich die Sprache sicher beherrschte und am Hessenkolleg mein Abitur nachholen konnte. Mit 32 Jahren begann ich schließlich mein Mathematikstudium an der Universität Göttingen. Als zweifache alleinerziehende Mutter und deutlich älter als die meisten Erstsemester-Studierenden war diese Phase besonders herausfordernd. Neben dem Diplomstudium der Mathematik absolvierte ich ab dem dritten Semester parallel einen B.Sc. in Physik, arbeitete in mehreren HiWi-Tätigkeiten und kümmerte mich gleichzeitig um meine beiden Kinder. Im Anschluss folgten dreieinhalb Jahre Promotion im Bereich der statistischen Modellierung genetischer Daten. 
Seit Abschluss von Studium und Promotion arbeitete ich in verschiedenen pharmazeutischen Unternehmen in Forschung und Entwicklung im Bereich der nicht-klinischen Statistik.

 

Wie blickst du auf den niedrigen Frauenanteil in MINT-Fächern? Welche Erfahrungen hast du selbst gemacht bzw. von anderen mitbekommen?

Trotz der Belastungen blicke ich auf die Zeit an der Universität sehr positiv zurück. Insbesondere meine Kommiliton:innen begegneten mir schnell auf Augenhöhe und blendeten meine besondere Lebenssituation aus. Zugleich erlebte ich jedoch vereinzelt abwertende Reaktionen männlicher Professoren aufgrund meines Geschlechts, bis hin zu Aussagen wie, dass eine Frau in die Küche und nicht in den Hörsaal gehöre.
Es gab jedoch ebenso männliche Hochschullehrer, die fair und unterstützend agierten, sowie zahlreiche Professorinnen, die sich ausdrücklich für Studentinnen einsetzten und ähnliche Erfahrungen teilten.

 

Was könnte man tun, um mehr Frauen für MINT-Berufe zu gewinnen, auszubilden und zu fördern?

Aus meiner Sicht muss die Förderung deutlich früher beginnen – bereits im Kindergarten und in der Grundschule. Wir brauchen spielerische Ansätze zur Entwicklung technikorientierter Kompetenzen, die sich gleichermaßen an Mädchen und Jungen richten – unabhängig vom Geschlecht. Entscheidend ist zudem, dass das Interesse an MINT-Fächern intrinsisch entsteht; ohne frühzeitige Förderung gelingt es kaum, mehr Mädchen für MINT-Leistungskurse und entsprechende Studiengänge zu gewinnen.

 

Was würdest du Mädchen und jungen Frauen raten, die eine Karriere in der Wissenschaft anstreben?

Die Kultur in den MINT-Bereichen verändert sich – langsam, aber kontinuierlich – hin zu mehr Fairness und weniger Benachteiligung von Frauen. Dennoch erfordert ein Karriereweg in MINT für Frauen häufig ein höheres Maß an Zielstrebigkeit und Durchhaltevermögen als für männliche Kollegen. „Mitlaufen“ funktioniert in diesem Umfeld kaum: Frauen in MINT zeichnen sich durch klare Motivation, Leidenschaft und den festen Wunsch aus, in diesen Bereichen zu wirken.

Ich empfehle, aktiv nach weiblichen Vorbildern zu suchen, Kontakt zu erfahrenen Wissenschaftlerinnen aufzunehmen und mögliche Mentorinnen anzusprechen. Proaktivität ist ein entscheidender Schlüssel zum Erfolg.

 

Hast du weibliche Vorbilder in der Wissenschaft, die dich inspirieren?

Bereits als Kind bewunderte ich Sofja Kowalewskaja. Bis heute ist sie für mich ein beeindruckendes Vorbild – sowohl aufgrund ihrer mathematischen Exzellenz als auch ihres außergewöhnlichen Lebenswegs.
Sofja Kowalewskaja wurde 1850 in Moskau geboren und nahm 1869 ihr Studium in Heidelberg auf. Anschließend lernte sie in Berlin privat bei Karl Weierstraß, da Frauen dort offiziell nicht zum Hörsaal zugelassen waren. 1874 promovierte sie als erste Frau an der Universität Göttingen summa cum laude und veröffentlichte Arbeiten, die später im Cauchy–Kowalewskaja Satz mündeten. Ab 1884 war sie Professorin an der Universität Stockholm und damit die erste Frau in Europa in einer solchen Position. Sie verstarb 1891 in Stockholm.

 

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